Stella Interview

Was bedeutet nachthaltige Mode für Sie? Ich entwerfe Kleider, die dauerhaft sind. Ich glaube an Kleidungsstücke, die nicht verbrannt werden, nicht auf Mülldeponien enden, der Umwelt nicht schaden. Bei jedem Element jeder Kollektion frage ich mich immer: was habe ich getan, um dieses Kleidungsstück nachhaltiger zu machen und was kann ich noch dafür tun? Es ist der ständige Versuch, sich zu verbessern.Unsere Philosophie ist: es ist besser, etwas zu tun als nichts. Für mich geht es dabei um grundlegende Prinzipien: Nachhaltigkeit ist wichtig, Recycling auch. Jeder kann einfache Dinge tun, die trotzdem etwas bewirken. Auch kleine Dinge helfen.Es ist ja die Arbeit von Modedesignern, eine neue Sicht auf die Dinge zu entwickeln und nicht nur jede Saison ein Kleid umzustülpen. Fragen zu stellen über die Art und Weise, wie man ein Kleid macht, wo man es macht, welche Materialien man dazu verwendet. Ich glaube sogar, dass das sehr viel interessanter ist. Ich glaube, nachhaltige Fashion bedeutet, sich diese Fragen immer wieder zu stellen und dabei trotzdem anziehende, luxuriöse, schöne Kleider und Accessoires zu machen, die Frauen kaufen wollen.

Es ist ja bekannt, dass Sie weder Pelze noch Leder für Ihre Produkte verwenden. Warum haben Sie sich dazu entschlossen?

Ich wurde auf einem Bauernhof mit biologischer Landwirtschaft zur Vegetarierin erzogen, deshalb war das ganz natürlich für mich. Doch die Entscheidung gegen Leder oder Pelze fiel nicht nur, weil ich keine Tiere esse oder dagegen bin, dass Millionen Tiere jedes Jahr für die Mode getötet werden sollten. Meiner Meinung nach gibt es eine Verbindung zwischen Pelzen, Leder und Umwelt. Es besteht da eine enge Verbindung.

Viele Menschen meinen, Leder ist in Ordnung, weil es ein Nebenprodukt der Fleischindustrie ist. Doch die Viehwirtschaft ist mit hauptverantwortlich für die massiven Umweltprobleme von heute wie globale Erwärmung, Landverödung, Luft- und Wasserverschmutzung und der Verlust der Biodiversität. Der Environmental Protection Agency (EPA) und ihrer “Superfund”-Liste (eine Liste mit industriellen Standorten, die ökologisch gereinigt werden müssten) zufolge gehören Gerbereien zu den größten Umweltverschmutzern der Welt.

Ethische Mode deckt eine ganze Reihe von Themen ab wie Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit, Fair Trade und nachhaltige Produktion. Haben Sie eine Lösung für all diese Probleme?

Wir sind nicht perfekt. Wir haben uns immer für ethische Produktionsmethoden engagiert und sind seit kurzem Mitglied der Ethical Trading Initiative. Wir beteiligen uns außerdem mit dem Natural Resources Defense Council am Clean by Design Programme. Wir sind da das erste Luxusbrand; Ziel ist, die Auswirkungen unserer Textilbetriebe auf die Umwelt zu reduzieren. Durch die Zusammenarbeit mit Organisationen wie dieser und indem wir direkt mit den Menschen arbeiten, die unsere Produkte herstellen, erhöhen wir die insgesamte Nachhaltigkeit des Brands.

Welche Hindernisse gibt es bei der Herstellung nachhaltiger Produkte?
Wir stellen unsere Textilien nicht her. Wir verwenden das, was auf dem Markt verfügbar ist. Die Farben können bei Biotextilien sehr einschränkt sein – und oft ist das Gewebe nicht so hochwertig. Wir suchen ständig nach weiteren, nachhaltigen Stoffen, doch oft merken wir, dass der Markt der Nachfrage noch hinterherhinkt. Es wäre toll, wenn wir Luxusmode mit 100% nachhaltigen Materialien herstellen könnten; zwar ist das noch nicht wirklich möglich, doch ich hoffe, dass die Lieferanten sich weiter in Richtung nachhaltige Optionen bewegen werden. Jede Saison werden neue Techniken und Angebote entdeckt, doch die müssen erst getestet werden, bevor wir sie verwenden können. Ich halte immer Ausschau nach Biogarnen, und fast jede Saison nehmen wir neue Baumwollgarne her. Wir versuchen zwar, Biotextilien und umweltschonende Färbemittel zu verwenden, doch bevor wir damit nicht ein Hochqualitätsprodukt herstellen können, tun wir es nicht.

Vielen Menschen fallen weite Klamotten aus Hanf ein, wenn sie an ökologische/nachhaltige Mode denken – was tun Sie, um diese Sichtweise zu ändern?

Ich glaube nicht, dass “öko” ein Wort sein sollte, bei dem man unwillkürlich an haferflockenfarbene Kleidung denkt oder Kleider in Übergröße oder Kleider ohne jeden Luxus, oder jede Schönheit, ohne Details oder Anziehungskraft. Ich glaube nicht, dass Dinge hässlich aussehen müssen, weil sie organisch sind; warum können sie nicht auch schön sein? Man kann von Konsumenten nicht verlangen, dass sie Kompromisse eingehen. Ich glaube nicht, dass man sagen kann: “Diese Jacke sieht furchtbar aus, ist aber organisch. Und diese wirklich schöne Jacke ist zwar billiger, aber ich kaufe sie nicht, weil sie nicht organisch ist.”

Mein Job ist die Herstellung von schönen Luxusobjekten. Ich möchte, dass die Leute in meinen Laden kommen und gar nicht einmal wissen, dass etwas organisch ist oder aus Kunstleder. Das ist die größte Herausforderung: dass die Menschen es nicht einmal merken. Wir haben tolle Strickwaren, da funktionieren Biotextilien am besten – denn es gibt sehr feine, natürliche Färbemittel. Viele Freunde tragen meine Strickwaren und sagen mir, wie sehr sie sie mögen, aber wenn ich ihnen dann mitteile, dass sie organisch sind, ist das für sie ein Plus und nicht so sehr eine Entscheidung. Das finde ich besser.

Was haben Sie bei Ihrer Arbeit mit dem NRDC als schwerwiegendstes Problem der Textilbetriebe bei der Herstellung von Stoffen identifiziert?

Zwar ist das Projekt noch ganz am Anfang, aber bisher haben wir herausgefunden, dass in italienischen Textilfabriken besser auf die Umwelt geachtet wird als in den Fabriken, mit denen NRDC vorher in China zusammen gearbeitet hat. Aber es kann überall etwas verbessert werden. Das Färbeverfahren kann sehr ineffizient sein, was die Ressourcen anbelangt, und die Umwelt unglaublich schädigen. In manchen Extremfällen in China haben die Textilfabriken ganze Flüsse mit ihrem Färbemittel in rot getränkt. Wasser ist ein lebensnotwendiger Rohstoff, deshalb ist es einfach furchtbar, dass ein ganzer Strom wegen Mode einfach kaputtgemacht wird.

Glauben Sie, dass Ethik und Nachhaltigkeit nur ein Trend für die Modeindustrie sein werden?
Alles – dies oder anderes – kann vielleicht nur ein Trend oder eine einmalige Sache sein. Wichtig ist, dass wir das Interesse nicht verlieren; und es gibt ein begründetes Interesse, denn wir leben auf diesem Planeten und müssen uns um ihn kümmern, denn ohne ihn haben wir nichts. Es geht nicht nur um die Modeindustrie, sondern um jede Form von Industrie.

Es sieht so aus, als sei die Modeindustrie das Schlusslicht auf diesem Planeten, wenn es um ethische Fragen geht. Das mag ich an meinem Sektor überhaupt nicht. Manchmal schleicht sich der Eindruck ein, dass all diese Designer auf ihrem hohen Ross sitzen, auf die armen Sterblichen herunterblicken und sagen: “Scheiß drauf, es ist Pelz, es ist wunderbar, Liebling!” Diese Leute haben nichts begriffen. Der normale Markt ist eigentlich viel eher auf dem richtigen Trichter, weil er Fair Trade und Bioprodukte verwenden möchte. Wenigstens versuchen sie, der Marktnachfrage nachzukommen.

Was tun Sie im Alltag, um die Umwelt zu schützen?

Ich bin nicht perfekt; ich fliege, ich fahre Auto, aber ich recycle und der Strom in meinem Haus kommt aus Windkraftanlagen. Um ein richtiger Umweltschützer zu sein, müsste man wie ein Aussteiger leben. Aber ich lebe bewusst und bin kritisch. Ich kaufe in Bio-Lebensmittelgeschäften ein. Ich lebe in einem schönen Haus und habe Strom, aber ich schalte das Licht aus, wenn ich den Raum verlasse. Aber perfekt bin ich nicht, und ich bin es auch nicht in meinem Job. Wenn ich es wäre, hätte ich 20 Dinge in 20 Shops in England und würde sie nicht ans Ausland verkaufen, damit die Transportwege kürzer sind, und ich würde auf meinem Bauernhof leben. Wenn wir etwas verbessern können, dann tun wir es. Wir tun Dinge auf einem realistischen Niveau, so dass wir sie auch umsetzen können. Wenn wir zu extrem wären, würde das meinem Job schaden.

Ihre Parfums werden von L’Oréal hergestellt – wie können Sie mit einer Firma arbeiten, die Tierversuche macht?
Kein Stella McCartney-Produkt wird je an Tieren getestet. Zu diesem Thema haben wir uns immer ganz klar geäußert, obwohl wir dadurch auf Einnahmen verzichten, weil unsere Parfums nicht auf dem chinesischen Markt zugelassen sind. Jede große Parfum-/Kosmetikfirma sagt, dass sie nur Tierversuche macht, wenn dies vom Gesetz so vorgeschrieben ist; das genügt uns aber nicht; wir sind bereit zu warten, bis das Gesetz mit der Wissenschaft in Einklang gebracht wurde. Es gibt nun In-Vitro-Tests, die grausame, überholte Tierversuche ersetzen können.

Sie werden oft gefragt, wie Sie sich als tierfreundliches Unternehmen bezeichnen können, obwohl Sie Seide und Wolle in Ihrer Kollektion haben. Was antworten Sie darauf?

Das Thema Seide und Wolle gehe ich gerade an. Wir haben alle unsere Wolllieferanten gebeten, sicher zu stellen, dass keine der von uns verwendeten Wolle von Schafen kommt, bei denen Mulesing praktiziert wird. Wenn es ohne Betäubung erfolgt, ist Mulesing ein brutales Verfahren, bei dem Haut und Fleisch vom Hinterteil eines Schafs abgeschnitten werden. Wird es aber korrekt gemacht, d.h. mit Betäubung und sorgfältiger Wundbehandlung, kann man das Leben der Tiere retten, indem man sie vor einem grauenvollen Tod durch infektionen oder einem Giftschock schützt.  Wir arbeiten eng mit unseren Lieferanten zusammen, um sicher zu stellen, dass unsere Wolle von Betrieben kommt, die für ihre Tiere liebevoll und ehrlich sorgen.

Bei Seide gibt es leider weniger Möglichkeiten. Wir verwenden Peace Silk, wo immer das möglich ist, aber wir haben ein paar Probleme mit Qualität und Quantität dieser Form von Seide. Wir schauen immer nach neuen Lieferanten und würden uns freuen, irgendwann 100% “Anti-Grausamkeits”-Seide zu verwenden; leider ist das im Moment nicht möglich. Aber wir versuchen es.